Gestern traf ich meine ehemalige Mitarbeiterin, Charlotte Strese, zum Mittagessen. Ihre Tochter ist jüngst zur ersten Kommunion gegangen. Sie erzählte, dass sie sich sehr viele Fragen hat gefallen lassen müssen, ob das denn so richtig sei. Bei Dir liegt das jetzt schon 8 Jahre zurück, da lebten der Opa und Onkel Eberhardt noch.
Mich hat es vor zwei Wochen schockiert, als ich die Begebenheiten über die kanadischen indigenen Kinder erfahren habe. Das ist jetzt 70 bis 80 Jahre her.
Und die ganzen Missbrauchsfälle in Deutschland und in anderen Ländern und der Umgang der Kirche heute mit der Aufarbeitung sind wirklich erschreckend.
Ich denke, Du wirst Dir die Frage stellen und ich stelle sie mir auch, ob ich mit einer solchen Kirche überhaupt etwas zu tun haben will. Es ist wirklich schwer heutzutage, in einer Kirche zu leben, über der so viel Verdacht von Missbrauch schwebt.
Ich habe Dir gegenüber natürlich den Vorteil, dass ich wirklich viele Frauen und Männer in der Kirche erlebt habe, die wirklich gute und wunderbare Menschen waren und sind. Nicht alle waren extrem sympathisch, aber ich hatte den Eindruck, dass fast alle, die ich kannte, wirklich im Grunde gute und lautere Ziele verfolgen. Und es gibt heutzutage auch wirklich viele Menschen in der Kirche, deren Absichten sehr gut sind. Du weißt, dass ich häufig zu Sankt Peter am Neumarkt in die Kirche gehe; dort sind nach meiner Einschätzung wirklich sehr redliche Menschen am Werk.
Natürlich schwebt über all diesen Menschen der Verdacht, dass auch sie etwas mit Missbrauch zu tun gehabt haben könnten.
Ich habe mich auch oftmals schon gefragt, wie ein so guter und lieber Gott, zu dem wir beten, solche Dinge zugelassen haben kann. Es klingt fast akademisch, wenn man hier die Freiheit aller Menschen betont, sich für oder gegen das Gute zu entscheiden. Man denkt ja, dass die kirchlichen Einrichtungen einen ganz besonderen Schutz des lieben Gottes genießen.
Ich weiß es auch nicht, wie man damit am besten umgehen kann. Es ist vielleicht wie im alten Testament mit der Stadt Ninive, wo dem Propheten Jona gesagt wurde, dass die Stadt verschont werde, wenn es wenigstens sieben mal sieben gerechte dort gäbe. Und wenn nicht sieben mal sieben, dann doch wenigstens nur sieben. Ich glaube, die gibt es bei uns.
Ich will nicht glauben, dass es die sieben bei uns nicht gibt. Aber es ist schon eine verdammt schwere Zeit. Hoffentlich klärt sich bald alles auf.
In der Wochenzeitung „Die Zeit“ gab es in der letzten Woche einen Artikel über einen kanadischen Indianerhäuptling, jetzt über 90 Jahre alt. Er war als Kind in einer dieser berüchtigten Schule. Er hat einen Brief an den Papst geschrieben und ihm nahegelegt, dass er für das begangene Unrecht um Verzeihung bitten möge. Der Indianerhäuptling meinte, wenn der Papst um Verzeihung bitten würde, dann wäre das Unrecht gesühnt und die Seelen der geschändeten Kinder könnten ihren Frieden finden.
Der Indianerhäuptling gehört der Bewegung Religions for Peace an. Er ist auch selbst überzeugt davon, dass es wirklich viele Menschen innerhalb der verschiedenen Kirchen gibt, die sehr redlich lautere Ziele verfolgen. Bei allem Leid was er erfahren hat, ist er in der Lage sehr viel Hoffnung auszustrahlen.
Das macht mir Mut, daran zu glauben, dass sich diese finstere Zeit bald wieder lichtet!
