Lieber Schinski,
bist Du aufgeregt? Früher warst Du immer ziemlich aufgeregt am heiligen Abend. Das merkte man auch daran, dass Du eigentlich im Grunde fast alle Dinge, die man Dir so angetragen hat, auch wirklich sofort befolgt hast. Also, Aufräumen, Duschen, schick Anziehen etc.
Und weißt Du noch, wie wir dann zwei Stunden zu früh in die Kirche gegangen sind? Naja, am Heiligabend wollen ja alle in die Kirche gehen und deshalb mussten wir immer schon früh Plätze frei halten. Wir hatten uns beide ein Buch mitgenommen, saßen ganz vorne in der Kirche und haben gelesen. Einmal hast Du sogar der Küsterin noch ein bisschen bei den Vorbereitungen geholfen.
Während dessen „kam das Christkind“ bei uns vorbei. Ich weiß gar nicht, wie Du Dir dieses Christkind so vorgestellt hast und ob Du nicht schon damals irgendwie dachtest: „Warum ist eigentlich die Mama nicht mitgekommen zur Kirche?“
Irgendwie ist das Christkind nicht so richtig sichtbar. Wir hatten zwar immer die Krippe aufgestellt, in der das kleine, aus Holz geschnitzte Jesus-Kindchen seinen Platz hatte. Aber das war ja nur symbolisch. Aber irgendwie dachtest Du wahrscheinlich damals, ist es doch da.
Ja, irgendwie war es wahrscheinlich dabei. Hoffe ich. Irgendwie denke ich auch manchmal, ist der Opa Hans dabei. An den denke ich auch gerade viel. Naja, der kann ja nicht auch am Heiligen Abend mit seinen Freunden da oben im Himmel (da gehört bestimmt auch Dein Opa Ferdinand, der Onkel Eberhard und der Papa Bassett dazu) Karten spielen oder sowas. Dafür hat er ja sonst genug Zeit. Jedenfalls denke ich auch heute Abend wieder an die alle.
Und ich denke natürlich an Dich. Und irgendwie versuche ich, „in Gedanken bei Dir zu sein“. Naja, nicht nur heute Abend, sondern eigentlich immer. Aber heute Abend ganz besonders.
Lieber Matis, ich denke an Dich. Ich hab Dich lieb! Dein Papa
